Befreiung und Freiheit - der 8. Mai nach 75 Jahren

Zum 75. Mal jährt sich am 8. Mai 2020 das Ende des 2. Weltkriegs in Europa. In Berlin wird dieser Tage der Tag der Befreiung als offizieller Feiertag zelebriert - vorerst einmalig.
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Daxner, Sprecher des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, über den Tag der Befreiung und die heutige Rezeption.

Der zerstörte Reichstag in Berlin in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs

Allzu viele lesen in ein Datum mehr über sich selbst hinein als in den Tag, dessen sie gedenken. Jahrelang sprach niemand vom 8. Mai als dem Tag der Befreiung, es wurde auch die Katastrophe vermieden, es war die Niederlage, das Ende.

Am 7. Mai schrieb einer der wenigen Überlebenden aus meiner Familie ins Tagebuch, nach stichwortartigem Tagesverlauf: „…Kapitulation um 2.41 früh!!! – Goebbels und Familie vergiftet aufgefunden – Schuschnigg bei Doblach befreit – Breslau hat sich ergeben – Goering gibt sich bei Kitzbühel gefangen“. Und am 8., wieder nach einem spärlichen Tagesverlauf: „<The Victoria Day> Churchill und der König sprechen. Kapitulation in Berlin von Keitel unterzeichnet“.

Von vielen habe ich erfahren, nicht nur wie kriegsmüde sie waren, sondern wie müde sie in die Befreiung geglitten sind; viele, die keine Täter und Mitläufer waren, wussten, dass Befreiung nicht gleich Freiheit bedeutet, und viele Täter löschten für andere und sich ihr Leben vor dem 8. Mai;  die meisten wussten nicht, dass die Festplatte der Geschichte nicht vergisst.

Jetzt sind 75 Jahre seit diesem Tag vergangen, und dass er ein Staatsfeiertag im vereinigten Deutschland werden soll, wie Esther Bejarano und andere fordern, ist gut zu begründen. Warum nicht früher? werden viele fragen. Für allzu lange und bei nicht wenigen Zeitzeugen und der nächsten Generation war Gaulands Ambivalenz eine gültige Geschichtsbetrachtung, Befreiung für die Einen, Niederlage und Verlust für die Anderen. Es hat halt 75 Jahre gedauert, bis sich die Freiheit in der Mehrheit durchgesetzt hat und nicht jeden Tag bezweifelt oder ignoriert wurde. Und gerade jetzt, da die Feiern wegen Corona bestenfalls digital und insgesamt gedämpft ausfallen, muss uns klar sein, dass Befreiung sich immer wieder ereignen muss und Freiheit nie ihre endgültige Form findet, wenn sie nicht ständig von den Menschen erneuert wird.

Über seine Rückkehr nach Köln schrieb Heinrich Böll: „Vielleicht erinnerte mich die Art, wie sie da zusammenstanden, auf Schaufel und Hacke gestützt, einander von Krieg, Gefangenschaft und politischen Irrtümern erzählten, zu sehr an Stammtisch und Kampfkommandanturen gleichzeitig.“1

Deshalb wollte er sich nicht sogleich an der „neudemokratischen“ Pflichtübung der Enttrümmerung beteiligen. Das war 1946…vieles davon habe ich zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre später noch so selbst gehört, die falsche Gleichzeitigkeit des Jahres 1945, das für viele nicht vergehen wollte.

Es brauchte nicht nur eines Heinrich Böll, eines Fritz Bauer, eines Willy Brandt, es brauchte nicht nur des Auschwitzprozesses, 1968 und 1989, um im Frieden des Landes sich für den Frieden darüber hinaus zu engagieren und einen ausbaufähigen, friedlichen Weg selbst zu schaffen und zu bearbeiten und sich ohne den Kopf einzuziehen der Kritik stellen zu können. Diesen einen Heinrich Böll hat es auch bedurft, nicht nur für unsere Stiftung. Die Kultur und die demokratische Lebenswelt sollten sich nicht nur im Programm, sondern auch in Kunst, Moral und Lebenszeit entwickeln.

Es sprach Willy Brandt im Bundestag zum 8. Mai 1970.  Mitten in der Rede fällt der Satz: „Die Kraft unserer neuen Demokratie hat es ermöglicht, dass … alle Parteien in diesem Hohen Hause fest auf dem Boden der Verfassung stehen“.2

Es wird großer Anstrengung bedürfen, diesen Satz wieder umstandslos wahr zu machen. Und über Jahrzehnte verwahrte sich eine der jetzigen Regierungsparteien, den Tag der Schande und der Niederlage zu feiern.3

Brandt sagt: „Dennoch ist niemand frei von der Geschichte, die er geerbt hat“.

Auch wir nicht. Was er damit gesagt hatte, wurde an jedem Jahrestag mit Variationen wiederholt, aber es wurde immer schwieriger, das Erbe mit dem Erlebnis der Überlebenden, der Zeitzeugen in Verbindung zu bringen.  Auch die Nachkriegsgeschichte gehört zu unserer Geschichte. Die ganze Geschichte seit 1945, die ganze Geschichte seit 1989. Und eben heute, wenn wir schon darüber nachdenken, was denn nach der Coronaepidemie sein wird…

Dass man diese Epidemie nicht gegen die Geschichte ausspielen darf, ist uns klar (auch wenn Donald Trump meint, sie sei schlimmer als Pearl Harbor und 9/11). Aber es sollte auch klar sein, dass in zwei, drei Generationen wir daran gemessen werden, was wir gegen den Klimawandel gemacht haben und was wir für die Millionen Menschen auf der Flucht getan haben. Und dann wird 1945 wahrscheinlich nicht mehr so aufgerufen wie heute, das Gedenken und die Erinnerung brauchen einen anderen Rahmen.
Im Namen von Heinrich Böll versuchen unsere Bundes- und Landesstiftungen diesen Rahmen immer neu und wirkungsvoll zu gestalten, d.h. wir wollen die Menschen erreichen, die in diesem Rahmen handeln, denken und lebendig an der Freiheit weiterarbeiten können. Das sagt sich so leicht als Programm, aber es setzt sich immer schwierig um. Eine politische Stiftung ist ja kein Verein von Influencern. Unser Geschichtsbewusstsein, das wir für die Weiterbildung ständig überprüfen müssen, kann sich so wenig auf den 8. Mai 1945 einschränken lassen wie wir auf die Vergleiche verzichten dürfen, die Unmenschlichkeit, Krieg und Unterdrückung immer wieder in Befreiung und Freiheit haben münden lassen, - oder eben nicht, noch nicht. Ritualisierung von Ereignissen sollte uns fremd sein, aber die Rituale des Erinnerns können selbst Befreiung beinhalten.

Der 8. Mai 1945 hat etwas bewegt, er war eben kein punktuelles Ereignis. Seit meiner Jugend hat er mich verfolgt und eingeholt mit Erzählungen, hauptsächlich vom Überleben. Und dann ein Aufbruch. Ingeborg Bachmann:

Alle Tage4

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Viele werden sich fragen, was sich geändert hat seit dem ersten Jahrzehnt nach der Befreiung. Vielleicht als erstes, in unserer privilegierten Position, die Abnahme von Befreiung mit der Zunahme an gesicherter Freiheit. Aber auch die Erkenntnis, dass nicht alle, schon gar global, aber auch europäisch, in dieser abgesicherten Zone leben. Dass das Bemühen, um Mitmenschen, um Geflüchtete, um die, die am Rande bei uns und anderswo leben, ein Preis ist, den wir im Rahmen der Stiftung, inspiriert von Heinrich Böll, und dem unerhört reichen Austausch innerhalb dieser Institution, entrichten müssen.

Als zweites: die Bedrohungen, innen wie außen, wachsen, ohne dass wir sofort den Schluss ziehen müssen, die Nachkriegszeit sei so zu Ende gegangen, dass wir uns wieder in einer Vorkriegszeit befinden. Aber wir sind gewarnt: die Diskussionen um die Atombewaffnung gerade in diesen Tagen machen uns wach.


Und schließlich: Der 8. Mai ist der Muttertag der Demokratie in einem Deutschland, das die Bleiche Mutter abgelegt hat.
 



Der Autor des Gastbeitrags ist Prof. Dr. Michael Daxner

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Daxner ist einer von zwei Sprecher*innen des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Er ist Sozialwissenschaftler und wurde am 27.10.1947 in Wien, Österreich geboren. Er besitzt die deutsche und österreichische Staatsbürgerschaft.
Mehr über Prof. Dr. Michael Daxner können Sie auf seinem privaten Blog nachlesen.
 



Quellen:
1 https://www.boell.de/de/content/heinrich-boell-leben-und-werk-40?dimension1=100_jahre_boell (7.5.2020)

2 https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975256/476264/5d99c2a426db3fe241677ca916e0d990/25-jahrestag-ende-wk2-data.pdf?download=1 (7.5.2020)

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_Befreiung FN5. (7.5.2020)

4 Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit. München 1964 (Piper)